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© Johannes Lang

Weidehaltung - Tier- & Naturschutz in einem

Die Weidehaltung bietet einige Vorteile, sie ist in Bezug auf das Tierwohl hinsichtlich einer tiergerechten Haltung der reinen Stallhaltung in vielen Fällen überlegen. Die große Bewegungsfreiheit bietet den Tieren die Möglichkeit sich auf der Fläche zu verteilen, was soziale Konflikte vermeidet und das Stresslevel der Tiere senkt. Der Untergrund der Weiden ist insbesondere für Rinder meist deutlich gelenkschonender und für die Gesundheit der Klauen ebenfalls förderlich (Bockisch 1991, Wiederkehr et al. 2001). Das natürliche und hochwertige Weidefutter kennzeichnet sich durch eine hohe Verdaulichkeit sowie eine gute Eiweißversorgung, auf Kraftfutter kann z.T. vollständig verzichtet werden (Steinwidder & Häusler 2012). Wirtschaftliche Vorteile der Weidehaltung sind geringerer Einstreubedarf, geringere Futterlagerungs- und aufbereitungskosten sowie die wirtschaftliche Nutzung von Steilflächen, die maschinell nicht zu bearbeiten sind. Dem gegenüber stehen der Aufwand für die Weidepflege und Kosten für die Anschaffung und den Unterhalt von Zäunen. Dem zunehmenden Bewusstsein vieler Verbraucher für Produkte aus tiergerechter Haltung kommt die Weidehaltung wiederum entgegen. 

Im Naturschutz und der Landschaftspflege leistet die Weidehaltung einen wertvollen Beitrag. Viele Schutzgebiete in Deutschland sind keine Wildnis, sondern Teil der Kulturlandschaft. Das gilt für die meisten Offenlandschaften, natürlicherweise wäre Deutschland fast vollständig von Wald bedeckt. Erst großflächige Rodungen zum Erschließen landwirtschaftlicher Nutzflächen öffneten die einstigen Urwälder und schufen neue Lebensräume. Viele Tier- und Pflanzenarten, die wir heute als selbstverständlichen Teil unserer Landschaft betrachten, konnten sich in der Folge in Deutschland ansiedeln. Feldlerche, Feldhase, Feldhamster und Heidekräuter sind einige Beispiele und tragen den Hinweis, wo sie vorkommen, schon in ihrem Namen. Ackerbau und Beweidung halten die Landschaft weiter offen, ansonsten würde sich der Wald dort wieder ausbreiten.

Schutzgebiete, wie Trocken- und Magerrasen sind besonders artenreiche Lebensräume. Viele von ihnen haben sich erst im Zuge der jahrhunderte- und jahrtausendealten Beweidung entwickeln können. Bekannte Beispiele sind Heidelandschaften, wie die Lüneburger Heide, die durch Überweidung auf armen Böden aus Wäldern entstanden sind.

In Naturschutzprojekten spielt die extensive Beweidung daher ein wichtige Rolle. Der Einsatz von z.B. Rindern, Schafen, Pferden und Ziegen ermöglicht es offene und nicht bewirtschaftete Lebensräume zu erhalten. In den letzten Jahren wurde eine Vielzahl von Beweidungsprojekten im Naturschutz etabliert. Die Weidetiere wirken wie natürliche Rasenmäher und halten die Vegetation kurz, sie fressen neben Gras auch kleine Sträucher und Bäume, so dass diese keine Möglichkeit haben groß zu werden. Im Gegensatz zu Mähmaschinen weiden Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde sehr schonend, von ihnen geht keine Gefahr für Gelege von bodenbrütenden Vögeln, Junghasen oder zahllose Insekten aus.

 

Man muss jedoch zwischen extensiver Beweidung in Naturschutzgebieten und wirtschaftlicher Weidehaltung unterscheiden. Aber auch abseits von ausgewiesenen Schutzgebieten stellen Weiden einen wertvollen Lebensraum - vor allem für Tagfalter und Heuschrecken  (Sachtleben 2000) - in der Agrarlandschaft dar, denn dort werden keine Dünger oder Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Als Biotop sind sie den meisten landwirtschaftlichen Flächen hinsichtlich Artenreichtum überlegen.

Weidehaltung in Hessen

Neben der gewerblichen Haltung von hauptberuflichen Landwirten leben in Hessen vor allem Schafe und Ziegen im Nebenerwerb oder in der Hobbyhaltung. Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) nennt für Hessen ca. 5.500 Schaf- und 3.100 Ziegenhaltungen. Lediglich 100 dieser Betriebe sind hauptgewerblich in der Landwirtschaft tätig. Die offiziellen Bestandszahlen für Hessen belaufen sich auf ca. 165.000 Schafe und 19.800 Ziegen (LLH). Schafe und Ziegen werden meistens als Weidetiere im Freiem gehalten (LLH), nur wenige leben in Ställen. 

Viele Landwirte im Nebenerwerb und Hobbyhalter in Hessen sehen sich mit der Umsetzung des Wolfsschutzes für ihre Weidetiere konfrontiert.

Neben ökonomischen Betrachtungen sollte nicht aus den Augen verloren werden, dass die meisten Weidetierhalter eine große emotionale Bindung zu ihren Tieren haben.

Den wirtschaftlichen Schaden nach Rissereignissen zu ersetzen ist nur ein Aspekt. Seine Tiere tot oder verletzt auf der Weide vorzufinden ist für jeden Tierhalter eine schlimme Erfahrung. Von daher sollten nicht Entschädigungen, sondern vorbeugende Maßnahmen und nach Möglichkeit das Verhindern von Weidetierrissen durch den Wolf im Vordergrund stehen.

LITERATUR:

BOCKISCH FJ (1991): Quantifizierung von Interaktionen zwischen Milchkühen und deren Haltungsumwelt als Grundlage zur Verbesserung von Stallsystemen und ihrer ökonomischen Bewertung - Habil. Schrift, JLU Giessen, Verlag der Feber´schen Universitätsbuchhandlung, Giessen, 1991

 

SACHTLEBEN J (2000): Weiden - zoologische Freilandmuseen? oder: Die Bedeutung von Weideflächen für den zoologischen Artenschutz in Bayern - Laufener Seminarbeiträge 4/00: 59-61

STEINWIDDER A, HÄUSLER J (2012): Möglichkeiten und Grenzen der Weidehaltung von Milchkühen im Berggebiet Österreichs - In: Tierärztliche Bestandsbetreuung - Fokus Fütterung, 5. Tierärztetagung, Raumberg-Gumpenstein  31.05. bis 03.06.2012, Lehr- und Forschungszentrum für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein, Irdning, 78 Seiten

WIEDERKEHR T, FRIEDLI K, WECHSLER B (2001): Einfluss von regelmässigem Auslauf auf das Vorkommen und den Schweregrad von Sprunggelenksschäden bei Milchvieh im Anbindstall - In: Aktuelle Arbeiten zur artgemässen Tierhaltung (2000), KTBL Schrift 403: 163-170